Mongolischer Kaschmir: Ein Jahr unterwegs (Die Geschichte einer Nomadenfamilie)

Mongolský kašmír: Rok na cestě (Příběh nomádské rodiny)
Die Geschichte der kleinen Nomin, von Saruul und ihrer Herde in der mongolischen Steppe
1. Eine Landschaft, die Geduld lehrt & Das Zuhause im Ger

Die mongolische Landschaft verändert sich mit jeder Jahreszeit. Es gibt weite Grassteppen, felsige Hänge und trockene Ebenen, über die der Wind so frei hinwegfegt, als gehöre ihm der ganze Horizont. Die Winter sind lang und hart, der Sommer kurz. Hier lernt man, das Wetter zu beobachten, die Landschaft zu lesen und zu wissen, wann es Zeit ist, weiterzuziehen.

Nomadenfamilien ziehen mit ihren Herden zwischen den saisonalen Weidegründen umher. Ihr Zuhause ist ein  Ger – ein rundes Zelt, das abgebaut, transportiert und dort wieder aufgebaut werden kann, wo es genug Futter für die Tiere gibt. Der Alltag richtet sich nach den Bedürfnissen der Herde: Morgens werden die Ziegen auf die Weide getrieben, tagsüber beaufsichtigt und abends kehren sie zum Lager zurück. Das Wissen über Wetter, Weidegründe und Tierpflege wird in den Familien von Generation zu Generation weitergegeben.

2. Unter dem Winterfell & Das Kämmen im Frühling

Kaschmir ist nicht das gesamte Ziegenfell. Es ist die feine, weiche Unterwolle, die der Ziege hilft, die kalten Monate zu überstehen. Darüber wächst ein gröberes Deckhaar, das vor Wind und Wetter schützt. Im Frühling, wenn es wärmer wird und die Ziegen auf natürliche Weise zu haaren beginnen, ist es Zeit für die Ernte. Erfahrene Hirten erkennen, wann sich die Unterwolle ausreichend gelöst hat. Dann kämmen sie sie vorsichtig von Hand mit einem Metallkamm aus, um die feine Unterwolle zu entfernen und das schützende Deckhaar zu belassen.

„Wird daraus irgendwann ein Pullover?“, fragt die kleine Nomin und hebt ein leichtes Wölkchen Garn an ihr Gesicht.
„Vielleicht ein Teil davon“, antwortet Saruul. „Eine Ziege allein liefert nicht genug.“

Das ist auch einer der besonderen Reize von Kaschmir: Für einen Pullover reicht die Wolle einer einzigen Ziege nicht aus. Das Tier liefert nur eine kleine Menge feiner Unterwolle, und hinter jeder weichen Faser stehen die Arbeit des Hirten, die Pflege der Herde und das geduldige Warten auf den richtigen Moment.

3. Der jahreszeitliche Rhythmus: Vom Frühling bis zum Winter

Im Sommer ziehen manche Familien höher hinauf in die Bergregionen, wo sich nach der Schneeschmelze neue Weidegründe eröffnen. Andere bleiben in der Gegend, mit der sie vertraut sind. Wenn die Tage kürzer werden, zieht die Herde auf die Herbstweiden. Der mongolische Winter kann außerordentlich hart sein, und die Tiere bleiben in der Nähe des Winterlagers. In besonders harten Wintern (einer Katastrophe namens  Dzud) können strenger Frost und tiefer Schnee den Zugang zu Weideflächen erschweren.